Diagnostik

Wie alt sind Sie wirklich?

DunedinPACE, GrimAge, Horvath-Clock: Wie zuverlässig misst die epigenetische Uhr biologisches Alter — und wo liegt die Grenze zwischen wissenschaftlichem Fortschritt und kommerzieller Übertreibung?

~8 Min. LesezeitApril 2026
Kurz gesagt

Kommerzielle Tests versprechen, aus einem Bluttropfen oder Speichelprobe das „biologische Alter" ablesen zu können. Die Wissenschaft dahinter ist real und substanziell — aber die Genauigkeit für den einzelnen Menschen ist deutlich kleiner, als das Marketing suggeriert. Wo die Uhr etwas taugt, wo sie nichts sagt, und was ein Ergebnis heute wirklich wert ist.

„Mein biologisches Alter ist 41, mein chronologisches 53." — solche Sätze hört man inzwischen nicht nur aus Silicon-Valley-Biohacker-Kreisen, sondern auch von Patientinnen und Patienten, die vor einem Privatpraxis-Termin sitzen, einen Test bei einem kommerziellen Anbieter gemacht haben und das Ergebnis mit mir besprechen wollen.

Die zugrunde liegende Idee — biologisches Alter messbar zu machen — ist faszinierend, wissenschaftlich substanziell und potenziell die wichtigste neue Klasse von Biomarkern in der Longevity-Medizin. Sie ist allerdings auch von einer kommerziellen Anbieter-Welle begleitet, die deutlich überzeichnet, was die Tests heute klinisch leisten können.

Was misst eine epigenetische Uhr eigentlich?

Epigenetische Uhren basieren auf der Messung von DNA-Methylierung — chemischen Markierungen an spezifischen Stellen des Genoms (sogenannten CpG-Sites), die regulieren, ob Gene aktiv abgelesen werden oder nicht. Im Laufe des Lebens verändern sich diese Methylierungs-Muster systematisch. Steve Horvath publizierte 2013 die wegweisende Arbeit, in der er zeigte, dass die Methylierungs-Werte an 353 CpG-Sites zusammen eine Schätzung des chronologischen Alters mit einer Standardabweichung von rund 3,6 Jahren erlauben — und dass die Abweichung zwischen geschätztem und tatsächlichem Alter mit Mortalität und Gesundheitsrisiken korreliert.

Seitdem ist eine ganze Familie von Uhren entstanden, die unterschiedliche Aspekte des Alterns abbilden:

Was die Daten wirklich zeigen — und was nicht

Die wissenschaftliche Evidenz für epigenetische Uhren ist substanziell, aber nuanciert. Was solide belegt ist:

Was nicht belegt ist — und was die kommerziellen Anbieter oft suggerieren:

Eine epigenetische Uhr sagt Ihnen, wie gut Sie sich aktuell halten. Sie sagt Ihnen nicht, wann Sie sterben werden — und sie reagiert nicht innerhalb von Wochen auf eine neue Diät.

Welche Uhr für welchen Zweck?

Wenn ein Patient mit dem Wunsch nach einer epigenetischen Uhr-Bestimmung in die Sprechstunde kommt, hilft eine Differenzierung:

Für ein Screening „bin ich biologisch älter als chronologisch?" — eignet sich GrimAge oder eine Kombination aus PhenoAge und Horvath. Die Aussage ist eine Bevölkerungs-Vergleichs-Aussage und sollte als Ausgangspunkt für tiefer-gehende Diagnostik genutzt werden, nicht als Endpunkt.

Für eine Verlaufs-Beobachtung „ändert sich meine Alterungs-Geschwindigkeit?" — eignet sich DunedinPACE besser, weil es spezifisch auf die Rate des Alterns trainiert ist. Allerdings benötigen Sie für eine sinnvolle Aussage Mehrfach-Messungen über Jahre, nicht über Monate.

Für die Identifikation eines spezifischen Krankheits-Risikos — eignen sich epigenetische Uhren bisher schlecht. Klassische Marker (ApoB, Lp(a), HbA1c, Cystatin C, Bildgebung) sind diagnostisch und prognostisch deutlich präziser für konkrete Erkrankungen.

Welche Test-Anbieter sind seriös?

Der Markt teilt sich grob in drei Segmente:

Wissenschaftlich validiert: TruDiagnostic (USA, GrimAge / DunedinPACE-Lizenzen), Trudiagnostic GmbH-DE, Elysium Health (PhenoAge), CarolinaBio (akademisch eingebunden). Preise typisch 200–500 Euro pro Test.

Mittelfeld: Verschiedene europäische Anbieter mit eigenen Algorithmen, die teilweise nicht peer-reviewed sind. Kosten ähnlich, Aussagekraft schwer einzuschätzen.

Vorsicht: Anbieter, die einzelne SNPs als „Aging-Genetik" verkaufen oder „minus 15 Jahre" nach einer Diät-Intervention versprechen. Hier ist die Distanz zur publizierten Evidenz substanziell.

Mein klinischer Umgang

In meiner Praxis biete ich die epigenetische Uhr als Bestandteil eines erweiterten Longevity-Check-ups an, mit klarer Aufklärung über das, was sie kann und das, was sie nicht kann. Sie ist ein interessanter ergänzender Marker, kein zentraler Diagnostik-Pfeiler.

Was ich nicht mache: einen einmaligen epigenetischen Wert als Grundlage für aggressive Therapie-Empfehlungen verwenden. Was ich auch nicht mache: Patientinnen und Patienten von dem Test abraten, die ihn aus eigenem Interesse machen wollen — das Ergebnis kann motivierend wirken, und das ist ein eigenständiger Wert.

Mein Rat ist: Wenn Sie testen, dann mit realistischen Erwartungen. Was die epigenetische Uhr aktuell leistet, ist eine Bevölkerungs-Vergleichs-Information mit einigen Jahren Mess-Unschärfe — kein hochpräziser individueller Lebenserwartungs-Rechner. Mit dieser Erwartung wird sie zu einem nützlichen Werkzeug. Mit der falschen Erwartung wird sie zu einer Quelle von Überdiagnostik und Fehl-Steuerung.

Autor
Prof. Dr. med. Johan M. Lorenzen

Internist, Nephrologe und Geriater. Forschungsschwerpunkt: nicht-kodierende RNAs in Alterungs- und Regenerationsprozessen. Außerplanmäßiger Professor an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Quellen

  1. Horvath S. DNA methylation age of human tissues and cell types. Genome Biology 2013; 14(10): R115.
  2. Levine ME et al. An epigenetic biomarker of aging for lifespan and healthspan. Aging 2018; 10(4): 573–591.
  3. Lu AT et al. DNA methylation GrimAge strongly predicts lifespan and healthspan. Aging 2019; 11(2): 303–327.
  4. Belsky DW et al. DunedinPACE, a DNA methylation biomarker of the pace of aging. eLife 2022; 11: e73420.
  5. Marioni RE et al. The epigenetic clock is correlated with physical and cognitive fitness in the Lothian Birth Cohort. International Journal of Epidemiology 2015; 44(4): 1388–1396.
  6. Higgins-Chen AT, Levine ME et al. A computational solution for bolstering reliability of epigenetic clocks. Nature Aging 2022; 2: 644–661.

Hinweis: Dieser Beitrag stellt eine wissenschaftliche Einordnung dar — keine individuelle ärztliche Empfehlung. Therapieentscheidungen — insbesondere zu Off-Label-Anwendungen oder neuen Medikamenten — besprechen Sie bitte persönlich mit Ihrem Arzt.

Prof. Dr. Johan M. Lorenzen

Prof. Dr. med. Johan M. Lorenzen

Facharzt für Innere Medizin · Nephrologie · Geriatrie · Prof. MHH

Chefarzt Allgemeine Innere Medizin und Geriatrie am St.-Josefs-Hospital Cloppenburg, Direktor der geriatrischen Kliniken der Schwester-Euthymia-Stiftung. Forschungsschwerpunkt: nicht-kodierende RNAs in Alterungs- und Regenerationsprozessen.

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