Nephrologie

Warum Ihre Nierenwerte täuschen können

Der häufigste Nieren-Bluttest ist einer der am häufigsten falsch gedeuteten — besonders bei älteren und schlanken Menschen. Was heute genauer ist.

~6 Min. LesezeitApril 2026
Kurz gesagt

Der Standard-Bluttest für die Nierenfunktion (Kreatinin) hängt stark von der Muskelmasse ab. Wer im Alter viel Muskel abgebaut hat, kann eine erhebliche Nierenschwäche haben, die im normalen Laborwert nicht sichtbar wird. Ein präziserer Bluttest existiert seit Jahren — Cystatin C — und ist gerade für Menschen ab 65 die genauere Wahl.

Eine 78-jährige Patientin kommt mit einem aktuellen Blutbild. Das Kreatinin liegt bei 0,8 mg/dl — formal im Referenzbereich. Die nach CKD-EPI-Formel daraus geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) liegt bei 65 ml/min/1,73 m² — formal eine leichte Einschränkung, aber nichts Dramatisches. Der Hausarzt sagt: „Ihre Niere ist altersgemäß."

Was niemand bemerkt: Die Patientin hat in den letzten fünf Jahren rund 12 Kilogramm Muskelmasse verloren — Sarkopenie. Ihre tatsächliche eGFR liegt eher bei 40 ml/min — also deutlich unter dem, was das Kreatinin suggeriert. Sie befindet sich klinisch in einem Stadium 3b der chronischen Nierenerkrankung, und der niedrigere Kreatinin-Wert verschleiert das.

Diese Konstellation ist nicht selten. Sie ist alltäglich. Und sie ist der Kerngrund, warum Cystatin C in der Nieren-Diagnostik der nächsten Jahrzehnte eine zunehmend wichtigere Rolle spielen wird.

Warum Kreatinin oft täuscht

Kreatinin entsteht aus dem Kreatinphosphat-Abbau in der Muskulatur. Die Konzentration im Blut hängt deshalb fundamental von zwei Faktoren ab:

Wenn die Muskelmasse mit dem Alter abnimmt — bei einer 78-Jährigen mit Sarkopenie also signifikant — sinkt die Kreatinin-Produktion. Die Serum-Konzentration bleibt scheinbar normal oder sinkt sogar, obwohl die Nieren-Clearance deutlich abnimmt. Wir sehen einen falsch normalen Wert.

Umgekehrt: Ein 28-jähriger Kraftsportler mit großem Muskelvolumen produziert mehr Kreatinin als der durchschnittliche Mann. Sein Kreatinin kann bei 1,4 mg/dl liegen — was das Labor mit „leicht erhöht" markiert — obwohl seine Nieren völlig gesund sind. Wir sehen einen falsch erhöhten Wert.

In beiden Fällen ist die Schlussfolgerung „die Niere ist…" auf Basis des Kreatinins systematisch verzerrt.

Cystatin C umgeht das Muskelmasse-Problem

Cystatin C ist ein kleines Protein (13 kDa), das von praktisch allen kernhaltigen Zellen des Körpers produziert wird, mit ziemlich konstanter Rate. Es wird in der Niere frei filtriert und im proximalen Tubulus reabsorbiert und abgebaut — kein Cystatin C kommt im Urin an. Die Plasma-Konzentration spiegelt also nahezu ausschließlich die glomeruläre Filtrationsrate wider, unabhängig von Muskelmasse.

Cystatin C beantwortet die Frage, die wir eigentlich stellen wollen: Wie effektiv filtert die Niere — losgelöst von der Frage, wie muskulös der Patient ist.

Zudem ist Cystatin C empfindlicher für frühe Veränderungen der Nierenfunktion. Studien zeigen, dass Cystatin C oft Wochen bis Monate vor Kreatinin auf eine sich verschlechternde Nierenfunktion reagiert — gerade in Bereichen, in denen frühe Intervention klinisch entscheidend ist.

Was die KDIGO-Leitlinien 2024 sagen

Die Kidney Disease: Improving Global Outcomes-Leitlinien (KDIGO 2024) haben den Stellenwert von Cystatin C explizit aufgewertet. Die Empfehlung lautet jetzt:

Lesley Inker und Kollegen haben in einer wegweisenden NEJM-Publikation 2021 die neue Race-free CKD-EPI-Formel etabliert und gezeigt, dass die kombinierte Cystatin-C-und-Kreatinin-Schätzung in nahezu allen Subgruppen die genaueste Schätzung liefert.

Wann sollte Cystatin C im Standard-Panel sein?

In meiner klinischen Praxis bestimme ich Cystatin C routinemäßig in folgenden Konstellationen:

Die Kosten liegen bei rund 8–15 Euro pro Bestimmung — eine moderate Zusatzausgabe, die in den genannten Konstellationen einen substanziellen diagnostischen Gewinn bringt.

Die Niere als Longevity-Marker

Aus Longevity-Sicht ist die Niere einer der zentralsten Indikatoren für biologisches Altern. Kohortenstudien zeigen, dass Personen mit beschleunigter eGFR-Trajektorie über die Jahre ein deutlich erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse, Demenz und Gesamtmortalität haben — auch wenn die absoluten eGFR-Werte noch im „normalen" Bereich liegen.

Die Konsequenz: Wenn wir Nierenalterung präzise erkennen wollen, brauchen wir präzise Marker. Cystatin C plus Kreatinin plus eine Trend-Analyse über Jahre liefern eine deutlich aussagekräftigere Einschätzung als ein einzelnes Kreatinin alle ein bis zwei Jahre.

Aus geriatrischer und nephrologischer Sicht gehört Cystatin C — gerade bei Patientinnen und Patienten ab 60, bei Verdacht auf Sarkopenie und bei grenzwertigen Kreatinin-Werten — auf das Labor-Panel. Die diagnostische Information, die diese Bestimmung liefert, ist real und in vielen Fällen handlungsleitend.

Autor
Prof. Dr. med. Johan M. Lorenzen

Internist, Nephrologe und Geriater. Forschungsschwerpunkt: nicht-kodierende RNAs in Nierenversagen und kardiovaskulären Erkrankungen. Außerplanmäßiger Professor an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Quellen

  1. KDIGO 2024 Clinical Practice Guideline for the Evaluation and Management of CKD. Kidney International 2024; 105(4S): S117–S314.
  2. Inker LA et al. New Creatinine- and Cystatin C-Based Equations to Estimate GFR without Race. NEJM 2021; 385(19): 1737–1749.
  3. Shlipak MG et al. Cystatin C and the Risk of Death and Cardiovascular Events among Elderly Persons. NEJM 2005; 352: 2049–2060.
  4. Peralta CA et al. Cystatin C identifies chronic kidney disease patients at higher risk for complications. JASN 2011; 22(1): 147–155.
  5. Foster MC et al. Filtration Markers as Predictors of ESRD and Mortality in Southeastern Hispanic Adults. Kidney International Reports 2022.
  6. Levey AS, Inker LA. Assessment of Glomerular Filtration Rate in Health and Disease. Clinical Pharmacology & Therapeutics 2017; 102(3): 405–419.

Hinweis: Dieser Beitrag stellt eine wissenschaftliche Einordnung dar — keine individuelle ärztliche Empfehlung. Therapieentscheidungen — insbesondere zu Off-Label-Anwendungen oder neuen Medikamenten — besprechen Sie bitte persönlich mit Ihrem Arzt.

Prof. Dr. Johan M. Lorenzen

Prof. Dr. med. Johan M. Lorenzen

Facharzt für Innere Medizin · Nephrologie · Geriatrie · Prof. MHH

Chefarzt Allgemeine Innere Medizin und Geriatrie am St.-Josefs-Hospital Cloppenburg, Direktor der geriatrischen Kliniken der Schwester-Euthymia-Stiftung. Forschungsschwerpunkt: nicht-kodierende RNAs in Alterungs- und Regenerationsprozessen.

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