Lipidologie · Therapie-Pipeline

Der genetische Herzinfarkt-Faktor, den kaum jemand kennt

Etwa jeder fünfte Erwachsene hat genetisch bedingt erhöhte Lp(a)-Werte und ein dadurch deutlich erhöhtes Herzinfarkt- und Schlaganfall-Risiko. Eine wirksame medikamentöse Therapie gibt es bisher nicht — die erste große Endpunktstudie (HORIZON) hat im September 2026 ihren primären Endpunkt verfehlt. Was das bedeutet und warum die Messung trotzdem wichtig bleibt.

~9 Min. Lesezeit April 2026 · aktualisiert Oktober 2026
Kurz gesagt

Rund jeder Fünfte hat genetisch bedingt einen deutlich erhöhten Herzinfarkt-Risikofaktor namens Lp(a) — der Wert wird in Deutschland kaum gemessen und ist bisher nicht medikamentös therapierbar. Die erste große Endpunkt-Studie (HORIZON, September 2026) hat gezeigt, dass eine 80-prozentige Lp(a)-Senkung allein nicht automatisch kardiovaskuläre Ereignisse reduziert. Weitere Studien laufen. Ein einzelner Bluttest im Leben genügt, um zu wissen, ob man betroffen ist — und die konsequente Behandlung aller anderen Risikofaktoren ist bei erhöhtem Lp(a) umso wichtiger.

Leitlinien- & Studien-Stand
ESC/EAS Dyslipidämie-Leitlinie2019 (Updates 2024)
ACC/AHA Dyslipidämie-LeitlinieMärz 2026 (bestätigt ApoB)
EAS Konsensus Lp(a)2022
Lp(a)HORIZON Phase III (Pelacarsen)Sept. 2026 — primärer Endpunkt verfehlt
OCEAN(a)-Outcomes Phase III (Olpasiran)Laufend, Ergebnisse erwartet Dez. 2026
ACCLAIM-Lp(a) (Lepodisiran)Laufend

Wenn Sie noch nie gehört haben, was Lipoprotein(a) — kurz Lp(a) — ist, sind Sie nicht allein. Auch viele Hausärztinnen und Hausärzte messen es nicht routinemäßig, obwohl es eines der best-validierten kardiovaskulären Risikomerkmale ist, die es gibt. Bei rund 20 Prozent der Bevölkerung — also einem von fünf Menschen — ist Lp(a) genetisch bedingt erhöht. Wer das ist, hat ein deutlich höheres Lebensrisiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und kalzifizierende Aortenklappenstenose — und konnte bisher kaum etwas dagegen tun.

Seit Frühjahr 2026 wird an mehreren RNA-basierten Therapien gegen Lp(a) geforscht. Die Phase-2-Daten waren vielversprechend — Lp(a)-Senkungen um 80 bis 95 Prozent. Doch die im September 2026 veröffentlichten Ergebnisse der ersten großen Endpunkt-Studie (Lp(a)HORIZON) haben gezeigt: Eine starke Lp(a)-Senkung allein reicht nicht automatisch aus, um Herzinfarkte und Schlaganfälle zu verhindern. Die Forschung geht weiter — aber das Bild ist komplexer als zunächst erhofft.

Umso wichtiger bleibt: Wer betroffen ist, sollte das wissen — denn auch ohne spezifische Lp(a)-Therapie lässt sich durch konsequente Behandlung aller anderen Risikofaktoren viel erreichen. Die Identifikation beginnt mit einem einfachen Bluttest, der einmal im Leben gemacht werden muss.

Was ist Lipoprotein(a)?

Lp(a) ist ein modifiziertes LDL-Partikel mit einem zusätzlichen Eiweiß namens Apolipoprotein(a), das sich an Apolipoprotein B anlagert. Strukturell ähnelt Apo(a) dem Blutgerinnungs-Protein Plasminogen — und genau diese Doppelnatur macht Lp(a) so heimtückisch: Es trägt Cholesterin in die Gefäßwand und begünstigt gleichzeitig Thrombosen.

Der Lp(a)-Spiegel im Blut ist zu rund 90 Prozent genetisch festgelegt. Er ändert sich praktisch nicht durch Lebensstil, Ernährung, Statintherapie oder Sport. Wer mit erhöhten Werten zur Welt kommt, hat sie ein Leben lang — und wer normale Werte hat, behält sie auch.

Der Lp(a)-Spiegel ist zu rund 90 Prozent genetisch festgelegt. Er ändert sich nicht durch Lebensstil oder klassische Lipidsenker.

Wie hoch ist das Risiko?

Mendelsche Randomisierungs-Studien — also Untersuchungen, die genetische Varianten als natürliches Experiment nutzen — haben den kausalen Zusammenhang zwischen Lp(a) und kardiovaskulären Erkrankungen zweifelsfrei belegt:

Diese Risiko-Erhöhung gilt unabhängig vom LDL-Cholesterin und unabhängig von anderen klassischen Risikofaktoren. Sie wird von Statinen nicht reduziert. Sie wird durch Sport oder Mediterrane Diät nicht reduziert. Sie wird auch durch PCSK9-Inhibitoren nur mäßig (~25 Prozent) gesenkt — und nicht in der Größenordnung, die für eine echte Risiko-Reduktion notwendig wäre.

Die kommende Therapie-Generation

Die letzten zwei Jahre haben in der Lp(a)-Forschung erstmals gezeigt, was lange als kaum möglich galt: gezielte, hocheffektive Senkung über RNA-basierte Wirkstoffe. Diese Substanzen unterbrechen die Bildung von Lp(a) auf Ebene der Boten-RNA in der Leber. Drei Substanzen befinden sich aktuell in Phase 3 oder kurz davor:

Pelacarsen (Lp(a)HORIZON-Studie)

Ein Antisense-Oligonukleotid von Novartis und Ionis Pharmaceuticals. Die Lp(a)HORIZON-Studie umfasste über 8.300 Patientinnen und Patienten mit etablierter atherosklerotischer Erkrankung und Lp(a)-Werten ≥ 70 mg/dl. Die Phase-2-Daten hatten eine Lp(a)-Senkung um etwa 80 Prozent bei monatlicher subkutaner Gabe gezeigt.

Aktualisierung 4. September 2026: Novartis hat die Topline-Ergebnisse bekanntgegeben: Pelacarsen hat den primären Endpunkt der Studie nicht erreicht. Trotz signifikanter Lp(a)-Senkung konnte keine statistisch signifikante Reduktion der schweren kardiovaskulären Ereignisse (kardiovaskulärer Tod, Herzinfarkt, Schlaganfall, dringliche Koronar-Revaskularisation) gegenüber Placebo nachgewiesen werden. Das Sicherheitsprofil war akzeptabel.
Vorschau AHA Scientific Sessions, 7. November 2026 (Chicago): Die vollständigen HORIZON-Daten werden als Late-Breaking-Präsentation vorgestellt — einschließlich der vorspezifizierten Subgruppen-Analyse bei Lp(a) ≥ 90 mg/dL, detaillierter Sicherheitsdaten und sekundärer Endpunkte. Die zentrale Frage: Gibt es Patientengruppen, die trotz des negativen Gesamtergebnisses von einer Lp(a)-Senkung profitieren? Ebenfalls beim AHA 2026: die ZEUS-Studie (IL-6-Hemmung bei CKD) und STREAM (Statin-Absetzen bei multimorbiden Älteren). Dieser Artikel wird nach der Präsentation aktualisiert.

Olpasiran (OCEAN(a)-Studie)

Eine kleine interferierende RNA (siRNA) von Amgen. Die OCEAN(a)-Outcomes-Studie läuft, Ergebnisse sind für Dezember 2026 angekündigt. Phase-2-Ergebnisse zeigten eine Lp(a)-Reduktion um über 90 Prozent — und der Effekt hält drei bis sechs Monate pro Injektion an, was den Aufwand auf zwei bis vier Spritzen pro Jahr reduziert. Nach dem HORIZON-Misserfolg von Pelacarsen ist OCEAN(a) die entscheidende verbleibende Studie: Zeigt auch Olpasiran keinen klinischen Nutzen, wäre die gesamte Lp(a)-Senkungshypothese in Frage gestellt.

Lepodisiran (ACCLAIM-Lp(a)-Studie)

Eine weitere siRNA von Eli Lilly. Phase-2-Daten (ALPACA) zeigten eine Lp(a)-Senkung um nahezu 95 Prozent über ein ganzes Jahr nach zwei Injektionen. Die kardiovaskulären Endpunkt-Studien laufen.

Stand Oktober 2026: Keine der drei Lp(a)-senkenden Therapien ist in Deutschland zugelassen. Die HORIZON-Ergebnisse haben gezeigt, dass eine starke Lp(a)-Senkung allein — zumindest in der Gesamt-Studienpopulation — nicht zu weniger Herzinfarkten und Schlaganfällen führt. Das ist das erste negative Phase-3-Ergebnis einer Lp(a)-senkenden Substanz mit kardiovaskulärem Endpunkt und stellt die Hypothese „Lp(a)-Senkung = CV-Risikoreduktion" grundlegend in Frage.

Die nächsten entscheidenden Datenpunkte: HORIZON-Subgruppen (AHA, 7. November 2026) und OCEAN(a)-Outcomes (Olpasiran, Ergebnisse angekündigt für Dezember 2026). Letztere sind die wichtigste verbleibende Studie — Olpasiran nutzt einen anderen Wirkmechanismus (siRNA statt Antisense) und erreichte in Phase 2 eine stärkere Lp(a)-Senkung. Dieser Artikel wird nach beiden Datenpunkten aktualisiert.

Wann sollte Lp(a) gemessen werden?

Die europäischen ESC-Leitlinien zu Dyslipidämien (zuletzt 2019, mit aktuellen Updates) empfehlen die Lp(a)-Bestimmung mindestens einmal im Leben jeder erwachsenen Person — typischerweise im Rahmen einer kardiovaskulären Risiko-Stratifikation. Es ist eine einfache Bluttest-Bestimmung, die rund 20 bis 30 Euro kostet (in der Privatpraxis nach GOÄ).

Besonders dringlich ist die Messung bei:

Was tun, wenn Lp(a) erhöht ist?

Auch wenn die spezifischen Lp(a)-senkenden Therapien noch nicht verfügbar sind, kann jetzt schon einiges getan werden:

Aggressive LDL-Senkung

Bei erhöhtem Lp(a) wird das gesamte kardiovaskuläre Risiko aggressiver behandelt. Die Logik: solange wir den Lp(a)-Anteil nicht spezifisch senken können, reduzieren wir das andere atherogene Lipid (LDL-C bzw. ApoB) so weit wie möglich. Die neue ACC/AHA-Dyslipidämie-Leitlinie von März 2026 bestätigt ApoB als primären Biomarker neben LDL-C und empfiehlt eine frühere Therapieinitiierung mit niedrigeren LDL-Zielwerten. ESC-Leitlinien empfehlen bei sehr hohem Risiko ein LDL-Ziel unter 55 mg/dl, in besonderen Fällen unter 40 mg/dl. Das gelingt heute mit Hochdosis-Statin plus Ezetimib, gegebenenfalls plus PCSK9-Inhibitor.

Sorgfältige Blutdruck- und Diabetes-Einstellung

Bei erhöhtem Lp(a) ist jede zusätzliche kardiovaskuläre Belastung umso schwerwiegender. Eine besonders konsequente Einstellung von Blutdruck (Zielwerte aktuell <130/80 mmHg bei Hochrisiko-Patient:innen) und Stoffwechsel ist Pflicht.

Erweiterte Risiko-Bildgebung

Bei erhöhtem Lp(a) lohnt sich häufig die zusätzliche Risiko-Stratifizierung über einen Koronarkalk-Score (CAC-CT). Der Befund hilft zu entscheiden, wie aggressiv präventiv behandelt wird — und bietet einen Verlaufs-Marker.

Familien-Screening

Wenn Sie selbst erhöhte Lp(a)-Werte haben, sollten auch Ihre Geschwister und erstgradigen Verwandten getestet werden. Bei Kindern wird die Bestimmung typischerweise erst nach Pubertät empfohlen.

Mein praktisches Vorgehen in der Sprechstunde

Ich messe Lp(a) bei jeder Patientin und jedem Patienten einmal im Rahmen des Standard-Check-ups — so wie ApoB, ApoE-Genotyp und PRS-CAD. Die Logik ist die gleiche: einmal im Leben bestimmen, ein Leben lang nutzen.

Bei erhöhten Werten besprechen wir, was sich heute bereits konsequent angehen lässt (Lipidstrategie, Bildgebung, Familien-Screening) — und wie sich die Therapielandschaft entwickelt. Die HORIZON-Ergebnisse haben gezeigt, dass eine zugelassene Lp(a)-Therapie nicht unmittelbar bevorsteht. Die nächsten Meilensteine sind die HORIZON-Subgruppen (AHA November 2026) und die OCEAN(a)-Outcomes (Dezember 2026) — bis dahin bleibt offen, ob bestimmte Patientengruppen von einer Lp(a)-Senkung profitieren. Wer heute identifiziert wird, profitiert sofort — durch konsequentere LDL-Senkung, Blutdruck-Einstellung und Risikostratifikation.

Das ist die Logik der Longevity-Medizin: vorhersehbare Risiken früh erkennen, dokumentieren, monitoren — und sie therapeutisch adressieren, sobald die Mittel zur Verfügung stehen.

Autor
Prof. Dr. med. Johan M. Lorenzen

Internist, Nephrologe und Geriater. Lipidologe DGFL® · Hypertensiologe DHL® · ESH Clinical Hypertension Specialist®. Außerplanmäßiger Professor an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Quellen

  1. Mach F et al. 2019 ESC/EAS Guidelines for the management of dyslipidaemias. European Heart Journal 2020; 41(1): 111–188.
  2. Tsimikas S, Stroes ESG et al. Lipoprotein(a) Reduction in Patients with Cardiovascular Disease (Pelacarsen Phase 2). NEJM 2020; 382: 244–255.
  3. O'Donoghue ML et al. Small Interfering RNA to Reduce Lipoprotein(a) in Cardiovascular Disease (OCEAN(a) Phase 2 / Olpasiran). NEJM 2022; 387: 1855–1864.
  4. Nissen SE et al. Lepodisiran ALPACA Phase 2 Trial. NEJM 2025.
  5. Kronenberg F, Mora S, Stroes ESG. Lipoprotein(a) in atherosclerotic cardiovascular disease and aortic stenosis: a European Atherosclerosis Society consensus statement. European Heart Journal 2022; 43(39): 3925–3946.
  6. Burgess S et al. Association of LPA Variants With Risk of Coronary Disease and the Implications for Lipoprotein(a)-Lowering Therapies. JAMA Cardiology 2018; 3(7): 619–627.
  7. ClinicalTrials.gov — Lp(a)HORIZON (NCT04023552), OCEAN(a) (NCT05581303), ACCLAIM-Lp(a) (NCT06292013).
  8. Novartis Media Release, 04.09.2026: Lp(a)HORIZON Phase III Topline Results — primärer Endpunkt nicht erreicht.
  9. ACC/AHA Guideline on Management of Dyslipidemia. März 2026 — neue Risiko-Tools, ApoB als primärer Biomarker bestätigt.

Hinweis: Dieser Beitrag stellt eine wissenschaftliche Einordnung dar — keine individuelle ärztliche Empfehlung. Therapieentscheidungen — insbesondere zu Off-Label-Anwendungen oder neuen Medikamenten — besprechen Sie bitte persönlich mit Ihrem Arzt.

Prof. Dr. Johan M. Lorenzen

Prof. Dr. med. Johan M. Lorenzen

Facharzt für Innere Medizin · Nephrologie · Geriatrie · Prof. MHH

Chefarzt Allgemeine Innere Medizin und Geriatrie am St.-Josefs-Hospital Cloppenburg, Direktor der geriatrischen Kliniken der Schwester-Euthymia-Stiftung. Forschungsschwerpunkt: nicht-kodierende RNAs in Alterungs- und Regenerationsprozessen.

LebenslaufGoogle ScholarResearchGateLinkedInSt.-Josefs-Hospital