Kardiovaskuläre Prävention · Risikomarker

Familienanamnese und Herzinfarkt-Risiko

Wenn Ihr Vater oder Bruder vor dem 55. Lebensjahr einen Herzinfarkt hatte, ist Ihr eigenes Risiko bis zu dreifach erhöht — auch wenn Sie sich gesund fühlen und keine Beschwerden haben. Was die Familienanamnese über Ihr Herz verrät, welche Fragen Sie Ihren Eltern stellen sollten und welche Untersuchungen dann wirklich sinnvoll sind.

~9 Min. LesezeitOktober 2026
Kurz gesagt

Herzinfarkt und Schlaganfall haben fast immer eine familiäre Komponente. Wer in seiner Familie frühe kardiovaskuläre Ereignisse kennt, hat ein deutlich erhöhtes eigenes Risiko — oft Jahrzehnte bevor Symptome auftreten. Die gute Nachricht: Dieses Risiko lässt sich messen, überwachen und behandeln. Der erste Schritt dauert 30 Minuten und kostet nichts: eine strukturierte Familienanamnese.

Evidenz-Grundlage
ESC-Leitlinien kardiovaskuläre Prävention2021 — Familienanamnese als eigenständiger Risikofaktor
Lloyd-Jones et al. (Framingham Heart Study)2004 — 2- bis 3-faches Risiko bei positiver Familienanamnese
Khera & Kathiresan (NEJM)2016 — genetisches Risiko durch Lebensstil halbierbar
Arnett et al. (AHA/ACC)2019 — CAC-Score bei intermediärem Risiko empfohlen

Der 45-jährige, der sich gesund fühlt

In meiner Sprechstunde sitzt regelmäßig ein Patient Mitte 40, sportlich, keine Beschwerden, Blutdruck normal, Blutzucker normal. Er kommt, weil sein Vater mit 58 einen Herzinfarkt hatte. Oder weil sein Bruder mit 50 plötzlich zusammengebrochen ist. Oder weil in der Familie „alle Herzkrank“ sind — aber niemand genau weiß, was das für ihn bedeutet.

Diese Patienten haben eine berechtigte Sorge. Und sie haben recht, dass sie handeln — denn die Familienanamnese ist einer der stärksten und zugleich am häufigsten übersehenen Risikofaktoren für Herzinfarkt und Schlaganfall.

Ihr Cholesterin können Sie messen, Ihren Blutdruck können Sie senken. Aber Ihre Gene können Sie nicht ändern — umso wichtiger ist es, sie zu kennen.

Was „familiäres Risiko“ konkret bedeutet

Die Framingham Heart Study — die größte und längste Herz-Kreislauf-Studie der Welt, seit 1948 — hat gezeigt: Wenn ein Verwandter ersten Grades (Elternteil, Geschwister) vor dem 55. Lebensjahr (Männer) bzw. 65. Lebensjahr (Frauen) einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder plötzlichen Herztod erlitten hat, verdoppelt bis verdreifacht sich Ihr eigenes Risiko.

Dieses Risiko besteht unabhängig von allen anderen Risikofaktoren. Das heißt: Auch wenn Ihr Blutdruck, Ihr Cholesterin und Ihr Blutzucker perfekt sind, trägt die Familiengeschichte ein eigenständiges Gewicht. Die europäischen Leitlinien (ESC 2021) führen die positive Familienanamnese deshalb als risikomodifizierenden Faktor, der die Risikokategorie nach oben verschieben kann.

Konkret: Ein Mann mit einem SCORE2-Risiko von 4 % (moderates Risiko) kann allein durch eine positive Familienanamnese in die Kategorie „hohes Risiko“ rutschen — mit direkten Konsequenzen für Zielwerte und Therapieentscheidungen.

Warum der Hausarzt selten danach fragt

In der täglichen Hausarzt-Praxis bleibt die Familienanamnese oft oberflächlich. Die typische Frage lautet: „Gibt es Herzerkrankungen in der Familie?“ Die Antwort ist häufig: „Mein Vater hatte irgendwas am Herzen“ oder „Meine Oma ist an einem Herzinfarkt gestorben.“

Das Problem: Eine Großmutter, die mit 88 an einem Herzinfarkt stirbt, ist kein Risikosignal — das ist normale Sterblichkeit im Alter. Ein Onkel, der mit 48 plötzlich auf dem Fußballplatz zusammenbricht, ist ein Alarmsignal. Der Unterschied liegt im Alter bei Ereignis und im Verwandtschaftsgrad.

Eine strukturierte Familienanamnese dauert nicht lange — aber sie muss die richtigen Fragen stellen.

Der 30-Minuten-Selbst-Check

Sie können Ihre Familienanamnese selbst erheben — bevor Sie zum Arzt gehen. Das spart Zeit im Gespräch und führt zu besseren Ergebnissen, weil Sie vorher in Ruhe bei Eltern oder Geschwistern nachfragen können.

Diese Fragen sollten Sie Ihren Eltern und Geschwistern stellen

  • ✓ Hat jemand in der Familie einen Herzinfarkt gehabt? In welchem Alter?
  • ✓ Hat jemand einen Schlaganfall gehabt? In welchem Alter?
  • ✓ Ist jemand plötzlich und unerwartet gestorben („plötzlicher Herztod“)? In welchem Alter?
  • ✓ Hat jemand Stents oder einen Bypass bekommen? In welchem Alter?
  • ✓ Hat jemand hohen Blutdruck? Seit wann? Mit Medikamenten?
  • ✓ Hat jemand Diabetes (Typ 1 oder Typ 2)? Seit wann?
  • ✓ Hat jemand hohes Cholesterin? Nimmt jemand Statine?
  • ✓ Hat jemand eine Nierenerkrankung? Dialyse?
  • ✓ Gab es Krebserkrankungen? Welche Art, in welchem Alter?
  • ✓ Wie alt sind Ihre Großeltern geworden? Woran sind sie gestorben?

Notieren Sie die Antworten — am besten getrennt für die mütterliche und die väterliche Seite. Bringen Sie diese Liste zum nächsten Arzttermin mit. Sie ist wertvoller als jede Blutuntersuchung, die Sie ohne diese Information machen können.

Die drei Alarmsignale

Nicht jede Familiengeschichte ist gleich bedrohlich. Drei Konstellationen sollten Sie besonders ernst nehmen:

1. Frühes Ereignis bei Verwandten ersten Grades

Herzinfarkt, Schlaganfall oder plötzlicher Herztod bei Vater, Mutter, Bruder oder Schwester vor dem 55. Lebensjahr (Männer) bzw. 65. Lebensjahr (Frauen). Das ist das klassische „positive Familienanamnese“-Kriterium der Leitlinien.

2. Häufung über mehrere Generationen

Wenn sowohl ein Großelternteil als auch ein Elternteil kardiovaskuläre Ereignisse hatten — auch wenn die Ereignisse später im Leben auftraten —, deutet das auf eine genetische Komponente hin, die sich über Generationen zieht.

3. Mehrere betroffene Geschwister

Wenn zwei oder mehr Geschwister betroffen sind, ist die genetische Belastung besonders hoch. In solchen Familien sollte gezielt nach familiärer Hypercholesterinämie und erhöhtem Lipoprotein(a) gesucht werden.

Was die Gene machen — und was Sie dagegen tun können

Khera und Kathiresan veröffentlichten 2016 im New England Journal of Medicine eine wegweisende Analyse: Menschen mit dem höchsten genetischen Risiko hatten ein doppelt so hohes Herzinfarkt-Risiko wie die genetisch am wenigsten Belasteten. Aber: Diejenigen mit hohem genetischem Risiko, die einen gesunden Lebensstil führten (Nichtraucher, BMI unter 30, regelmäßige Bewegung, gesunde Ernährung), konnten ihr Risiko um fast 50 % senken — trotz ihrer Gene.

Gene laden die Waffe. Lebensstil drückt ab — oder eben nicht. Wer sein genetisches Risiko kennt, kann gezielt gegensteuern.

Das ist die zentrale Botschaft: Eine positive Familienanamnese ist kein Urteil. Sie ist ein Frühwarnsystem — und zwar eines, das Ihnen einen Vorsprung verschafft. Wer weiß, dass er genetisch belastet ist, kann früher und gezielter handeln als jemand, der sein Risiko erst bemerkt, wenn es zu spät ist.

Welche Untersuchungen dann sinnvoll sind

Wenn Ihre Familienanamnese positiv ist, genügt der Standard-Check-up beim Hausarzt nicht mehr. Folgende Untersuchungen sind dann zusätzlich empfehlenswert:

1. Erweitertes Lipidprofil

Nicht nur Gesamtcholesterin und LDL, sondern auch Lipoprotein(a) — ein genetisch festgelegter Risikofaktor, der in der normalen Routine fast nie gemessen wird. Lp(a) ist bei etwa 20 % der Bevölkerung erhöht und verdoppelt das Herzinfarkt-Risiko unabhängig von LDL. Außerdem: Apolipoprotein B — der präziseste verfügbare Risikomarker für atherosklerotische Erkrankungen.

2. Koronarkalk-Score (CAC-CT)

Ein kurzer CT-Scan ohne Kontrastmittel, der die Kalkablagerungen in Ihren Herzkranzgefäßen misst. Die AHA/ACC-Leitlinien empfehlen ihn ausdrücklich bei Patienten mit intermediärem Risiko — genau die Gruppe, in der die Familienanamnese den Ausschlag geben kann. Ein CAC-Score von 0 ist extrem beruhigend; ein erhöhter Score hat direkte therapeutische Konsequenzen.

3. Gefäßultraschall (Carotis-Duplex)

Die Halsschlagadern sind ein Fenster in den Gefäßzustand des gesamten Körpers. Plaques oder eine verdickte Gefäßwand (erhöhte Intima-Media-Dicke) zeigen eine beginnende Atherosklerose — oft Jahre bevor Symptome auftreten.

4. Nierenfunktion (Cystatin C)

Die Cystatin-C-basierte GFR ist präziser als die Kreatinin-basierte Schätzung und deckt frühe Nierenfunktionseinschränkungen auf, die ihrerseits das kardiovaskuläre Risiko erhöhen. Besonders relevant bei familiärer Hypertonie.

5. 24-Stunden-Blutdruckmessung

Familiäre Hypertonie ist einer der häufigsten vererbbaren Risikofaktoren. Eine einmalige Messung in der Praxis reicht nicht — sie übersieht die maskierte Hypertonie (normal in der Praxis, erhöht im Alltag) und den nächtlichen Blutdruck, der für die Risikobeurteilung entscheidend ist.

Was ich in der Praxis sehe

Jeder meiner Patienten bekommt beim Erstgespräch eine strukturierte Familienanamnese. Was mir dabei auffällt:

Der häufigste Fehler: Risiko verdrängen, weil man sich gut fühlt

Atherosklerose — die Verkalkung der Gefäße, die zum Herzinfarkt führt — entwickelt sich über Jahrzehnte ohne Symptome. Der erste „Symptom“ ist oft der Infarkt selbst. Sich gesund zu fühlen, ist deshalb kein Beweis dafür, gesund zu sein.

Genau hier liegt der Wert der Familienanamnese: Sie identifiziert Menschen, die sich gesund fühlen, aber ein erhöhtes Risiko tragen — und zwar früh genug, um etwas dagegen zu tun. Nicht erst mit 60 beim ersten Angina-pectoris-Anfall, sondern mit 35 oder 40, wenn die Gefäße noch intakt sind und präventive Maßnahmen den größten Effekt haben.

Was Sie jetzt tun können

  1. Führen Sie den Familien-Check durch. Nehmen Sie sich 30 Minuten, rufen Sie Ihre Eltern an, fragen Sie die zehn Fragen oben ab. Schreiben Sie die Antworten auf.
  2. Bringen Sie die Liste zum nächsten Arzttermin mit. Ein Arzt, der Ihre Familiengeschichte kennt, kann Ihre Diagnostik und Therapie gezielt anpassen — statt nach Schema F zu arbeiten.
  3. Wenn Alarmsignale vorliegen: Lassen Sie ein erweitertes Lipidprofil (inkl. Lp(a) und ApoB) und einen Gefäßultraschall machen. Fragen Sie nach einem Koronarkalk-Score. Das sind keine „Luxus-Untersuchungen“ — es sind Maßnahmen, die bei Ihrem Risikoprofil medizinisch indiziert und meist erstattungsfähig sind.

Prävention beginnt nicht beim Arzt. Sie beginnt mit einer Frage an Ihre Familie.

Autor
Prof. Dr. med. Johan M. Lorenzen

Internist, Nephrologe und Geriater. Lipidologe DGFL® · Hypertensiologe DHL®. Außerplanmäßiger Professor an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Quellen

  1. Lloyd-Jones DM et al. Parental cardiovascular disease as a risk factor for cardiovascular disease in middle-aged adults: a prospective study of parents and offspring. JAMA 2004; 291(18): 2204–2211.
  2. Khera AV, Emdin CA, Drake I et al. Genetic risk, adherence to a healthy lifestyle, and coronary disease. N Engl J Med 2016; 375(24): 2349–2358.
  3. Visseren FLJ et al. 2021 ESC Guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice. Eur Heart J 2021; 42(34): 3227–3337.
  4. Arnett DK et al. 2019 ACC/AHA Guideline on the Primary Prevention of Cardiovascular Disease. Circulation 2019; 140(11): e596–e646.
  5. Nordestgaard BG et al. Familial hypercholesterolaemia is underdiagnosed and undertreated in the general population. Eur Heart J 2013; 34(45): 3478–3490.
  6. Greenland P et al. 2010 ACCF/AHA guideline for assessment of cardiovascular risk in asymptomatic adults. J Am Coll Cardiol 2010; 56(25): e50–e103.

Hinweis: Dieser Beitrag stellt eine wissenschaftliche Einordnung dar — keine individuelle ärztliche Empfehlung. Therapieentscheidungen besprechen Sie bitte persönlich mit Ihrem Arzt.

Prof. Dr. Johan M. Lorenzen

Prof. Dr. med. Johan M. Lorenzen

Facharzt für Innere Medizin · Nephrologie · Geriatrie · Prof. MHH

Chefarzt Allgemeine Innere Medizin und Geriatrie am St.-Josefs-Hospital Cloppenburg, Direktor der geriatrischen Kliniken der Schwester-Euthymia-Stiftung. Forschungsschwerpunkt: nicht-kodierende RNAs in Alterungs- und Regenerationsprozessen.

LebenslaufGoogle ScholarResearchGateLinkedInSt.-Josefs-Hospital