Kardiovaskuläre Prävention · Bildgebung

Wie viel Kalk steckt in meinen Herzarterien?

Keine Beschwerden, normale Cholesterinwerte — und trotzdem kann eine fortgeschrittene Arterienverkalkung vorliegen. Ein CT-Scan ohne Kontrastmittel gibt in 10 Minuten eine Antwort, die jahrelange Ungewissheit ersetzt. Was der Koronarkalk-Score (CAC) aussagt, wann er sinnvoll ist — und was die Zahlen wirklich bedeuten.

~9 Min. LesezeitOktober 2026
Kurz gesagt

Kalkablagerungen in den Herzkranzgefäßen sind ein direkter Beweis für Arteriosklerose — und lassen sich mit einem einfachen CT-Scan messen. Ein Score von 0 ist extrem beruhigend. Ein erhöhter Score verändert die Therapieentscheidung konkret: niedrigere LDL-Zielwerte, früherer Statin-Start, engmaschigere Überwachung. Die Untersuchung dauert 10–15 Minuten, die Strahlenbelastung ist gering, und die Kosten liegen bei 150–300 € (Selbstzahlerleistung).

Evidenz-Grundlage
Detrano et al. (MESA-Studie, NEJM)2008 — CAC sagt KV-Ereignisse unabhängig vorher
Blaha et al. (Circulation)2016 — CAC 0 = <1 % 10-Jahres-MACE-Risiko
Visseren et al. (ESC-Leitlinien)2021 — CAC bei intermediärem Risiko empfohlen
Arnett et al. (AHA/ACC)2019 — CAC als Reklassifikationswerkzeug

Gesund fühlen ist kein Beweis für gesunde Gefäße

In meiner Sprechstunde sitzt regelmäßig ein Patient um die 50, sportlich, Nichtraucher, keine Beschwerden. Der Blutdruck ist in Ordnung, der Blutzucker auch. Trotzdem hat er ein ungütes Gefühl — vielleicht, weil sein Vater früh einen Herzinfarkt hatte. Oder weil ein Kollege in seinem Alter plötzlich zusammengebrochen ist.

Die Frage, die solche Patienten stellen, ist immer dieselbe: Kann man sehen, ob meine Gefäße schon verkalkt sind?

Die Antwort ist: Ja. Und der Test dafür ist überraschend einfach.

Arteriosklerose entwickelt sich über Jahrzehnte ohne Symptome. Der Koronarkalk-Score macht sie sichtbar — bevor sie gefährlich wird.

Was der Koronarkalk-Score misst

Beim Koronarkalk-CT (auch: Calcium-Scoring-CT) liegen Sie für 10–15 Minuten in einem normalen Computertomographen. Es wird kein Kontrastmittel gespritzt — das unterscheidet die Untersuchung von einer Koronar-CT-Angiographie. Der Scanner erfasst in wenigen Sekunden das Herz und misst, wie viel Kalzium in den Wänden Ihrer Herzkranzgefäße abgelagert ist.

Aus diesen Bildern berechnet die Software einen Zahlenwert: den Agatston-Score, benannt nach dem amerikanischen Kardiologen Arthur Agatston, der das Verfahren 1990 entwickelte. Je höher der Score, desto mehr Kalk — und desto weiter fortgeschritten die Arteriosklerose.

Die Strahlenbelastung ist gering: etwa 0,9–1,5 Millisievert (mSv). Das entspricht ungefähr der natürlichen Hintergrundstrahlung von drei Monaten — oder einem Langstreckenflug nach Asien und zurück. Zum Vergleich: Ein normales Bauch-CT hat die fünf- bis zehnfache Dosis.

Was die Zahlen bedeuten

Agatston-Score — Interpretation
ScoreBedeutungKonsequenz
0Kein nachweisbarer KalkSehr günstige Prognose; Kontrolle erst nach 3–5 Jahren
1–100Milde VerkalkungLebensstil-Optimierung; Statin-Entscheidung individuell
101–400Moderate VerkalkungStatin empfohlen; LDL-Zielwert anpassen
> 400Ausgeprägte VerkalkungIntensive Therapie; weitere Diagnostik erwägen

Die Rohzahl allein sagt aber noch nicht alles. Entscheidend sind die alters- und geschlechtsspezifischen Perzentilen: Ein Score von 50 bei einem 45-jährigen Mann ist alarmierender als derselbe Score bei einem 70-Jährigen, weil er bedeutet, dass die Verkalkung für das Alter überdurchschnittlich weit fortgeschritten ist.

Die „Warranty Period“ bei Score 0

Blaha und Kollegen prägten 2016 den Begriff der „warranty period“: Patienten mit einem CAC-Score von 0 haben ein Risiko von unter 1 % für ein schwerwiegendes kardiovaskuläres Ereignis in den nächsten zehn Jahren. Das ist so niedrig, dass ein Statin-Start bei asymptomatischen Patienten mit Score 0 vertretbar aufgeschoben werden kann — selbst wenn das rechnerische Risiko (SCORE2) eigentlich im intermediären Bereich liegt.

Das macht den Test besonders wertvoll für Patienten, die unsicher sind, ob sie ein Statin brauchen: Ein Score von 0 gibt Entwarnung. Ein erhöhter Score liefert ein konkretes Argument für den Therapiebeginn.

Wer den Test machen sollte

Die ESC-Leitlinien 2021 empfehlen den Koronarkalk-Score als Reklassifikationswerkzeug in einer klar definierten Situation:

Nicht empfohlen ist der Test bei Patienten mit bereits bekannter koronarer Herzkrankheit (KHK) oder sehr hohem Risiko. In diesen Fällen steht die Therapie ohnehin fest — der Score würde keine Entscheidung ändern.

Was der Score nicht zeigt

Der Koronarkalk-Score ist ein starkes Werkzeug — aber kein perfektes. Es gibt wichtige Einschränkungen, die man kennen muss:

Weiche Plaques bleiben unsichtbar

Der CT-Scan misst nur kalzifizierte (verhärtete) Ablagerungen. Nicht-kalzifizierte („weiche“) Plaques werden nicht erfasst — und genau diese können instabiler und damit gefährlicher sein, weil sie eher aufreißen und einen akuten Herzinfarkt auslösen. Ein Score von 0 schließt weiche Plaques nicht vollständig aus, auch wenn das Risiko bei Score 0 insgesamt sehr niedrig ist.

Kein Rückschluss auf Verengung oder Durchblutung

Der Agatston-Score sagt nichts über den Stenosegrad (wie stark ein Gefäß verengt ist) oder über eine tatsächliche Durchblutungsstörung des Herzmuskels. Ein hoher Score bedeutet viel Kalk — aber nicht zwingend eine relevante Engstelle. Umgekehrt kann eine einzelne weiche Plaque eine hochgradige Stenose verursachen, ohne dass der Score auffällig ist.

Ergänzende Marker liefern zusätzliche Information

Die Entzündungsaktivität in den Gefäßen lässt sich mit Blutmarkern wie hsCRP (hochsensitives C-reaktives Protein) oder Lp-PLA2 einschätzen. Diese Werte ergänzen den CAC-Score — sie ersetzen ihn nicht, und er ersetzt sie nicht.

Junge Patienten: Vorsicht bei der Interpretation

Bei Patienten unter 45 Jahren ist der Score weniger aussagekräftig, weil die Verkalkung in diesem Alter oft noch nicht begonnen hat — auch wenn bereits atherosklerotische Plaques (noch weich und nicht kalzifiziert) vorhanden sein können. In dieser Altersgruppe sind andere Risikomarker (Lp(a), ApoB, Familienanamnese) oft informativer.

Nach dem Befund: Was jetzt?

Der CAC-Score ist kein Selbstzweck. Er verändert die Therapieentscheidung — und das ist sein eigentlicher Wert:

Bei hohem Score

Bei Score 0

Entscheidend ist: Keine Therapieänderung ohne klinischen Kontext. Der Score allein genügt nicht — er muss im Zusammenhang mit Blutdruck, Lipidprofil, Familienanamnese, Begleiterkrankungen und der individuellen Lebenssituation des Patienten bewertet werden. Genau deshalb gehört die Befundbesprechung zum Internisten.

IGeL-Status und Kosten

Das Koronarkalk-CT ist eine Selbstzahlerleistung (IGeL). Die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt die Kosten in der Regel nicht. Private Krankenversicherungen erstatten den Test in den meisten Tarifen, wenn eine medizinische Indikation vorliegt (z. B. familiäre Vorbelastung, intermediäres Risiko).

Die Kosten liegen je nach Anbieter und Region bei 150–300 €. Für eine Untersuchung, die in 10 Minuten eine Aussage trifft, die jahrelange Unsicherheit beendet und eine Therapieentscheidung auf eine solide Grundlage stellt, ist das eine vertretbare Investition — besonders für Patienten, die ohnehin vor der Frage stehen, ob sie ein Statin nehmen sollten.

Ein Koronarkalk-Score entscheidet nicht allein über die Therapie. Aber er ersetzt Vermutung durch Messung — und das ist in der Präventionsmedizin von unschätzbarem Wert.

Was Sie jetzt tun können

  1. Prüfen Sie Ihr Risikoprofil. Liegt eine positive Familienanamnese vor? Ist Ihr LDL-Cholesterin erhöht oder Ihr Lp(a) auffällig? Stehen Sie vor einer Statin-Entscheidung? Dann kann ein CAC-Score die fehlende Information liefern.
  2. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt. Fragen Sie gezielt nach dem Koronarkalk-CT. Die Untersuchung wird an jedem radiologischen Zentrum durchgeführt — Sie brauchen nur eine Überweisung oder können als Selbstzahler direkt einen Termin vereinbaren.
  3. Befund besprechen lassen. Der Radiologe liefert den Score — aber die klinische Einordnung (Was bedeutet das für mich? Brauche ich jetzt ein Statin? Wie eng muss ich kontrolliert werden?) gehört zum Internisten, der Ihr gesamtes Risikoprofil kennt.
Autor
Prof. Dr. med. Johan M. Lorenzen

Internist, Nephrologe und Geriater. Lipidologe DGFL® · Hypertensiologe DHL®. Außerplanmäßiger Professor an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Quellen

  1. Detrano R, Guerci AD, Carr JJ et al. Coronary Calcium as a Predictor of Coronary Events in Four Racial or Ethnic Groups. N Engl J Med 2008; 358(13): 1336–1345.
  2. Blaha MJ, Cainzos-Achirica M, Greenland P et al. Role of Coronary Artery Calcium Score of Zero and Other Negative Risk Markers for Cardiovascular Disease: The Multi-Ethnic Study of Atherosclerosis (MESA). Circulation 2016; 133(9): 849–858.
  3. Visseren FLJ, Mach F, Smulders R et al. 2021 ESC Guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice. Eur Heart J 2021; 42(34): 3227–3337.
  4. Arnett DK, Blumenthal RS, Fonarow GC et al. 2019 ACC/AHA Guideline on the Primary Prevention of Cardiovascular Disease. Circulation 2019; 140(11): e596–e646.
  5. Agatston AS, Janowitz WR, Hildner FJ et al. Quantification of coronary artery calcium using ultrafast computed tomography. J Am Coll Cardiol 1990; 15(4): 827–832.
  6. Greenland P, Blaha MJ, Budoff MJ et al. Coronary Calcium Score and Cardiovascular Risk. J Am Coll Cardiol 2018; 72(4): 434–447.

Hinweis: Dieser Beitrag stellt eine wissenschaftliche Einordnung dar — keine individuelle ärztliche Empfehlung. Therapieentscheidungen besprechen Sie bitte persönlich mit Ihrem Arzt.

Prof. Dr. Johan M. Lorenzen

Prof. Dr. med. Johan M. Lorenzen

Facharzt für Innere Medizin · Nephrologie · Geriatrie · Prof. MHH

Chefarzt Allgemeine Innere Medizin und Geriatrie am St.-Josefs-Hospital Cloppenburg, Direktor der geriatrischen Kliniken der Schwester-Euthymia-Stiftung. Forschungsschwerpunkt: nicht-kodierende RNAs in Alterungs- und Regenerationsprozessen.

LebenslaufGoogle ScholarResearchGateLinkedInSt.-Josefs-Hospital